Themenwelt 06
Warum Menschen sich
wirklich einbringen.
Wer nicht weiß, wofür er arbeitet, erfüllt Aufgaben. Wer es weiß, gestaltet.
Sinn und Orientierung sind keine Führungsthemen für Krisenzeiten. Sie entscheiden im Alltag darüber, ob Menschen sich wirklich einbringen — oder nur das Nötigste tun.
Was Menschen wirklich trägt: Selbstdistanzierung, Freiheit, Verantwortung und Sinn — auch in schwierigen Phasen.
→ Zum AbschnittViktor Frankls Einsicht: Wer ein Warum hat, erträgt jedes Wie. Sinn als stärkste menschliche Ressource.
→ Zum AbschnittMaslows vergessene Ebene: Werte, die nicht durch Erfüllung verschwinden, sondern durch sie wachsen.
→ Zum AbschnittFünf Säulen psychologischen Wohlbefindens — Positive Emotionen, Engagement, Beziehungen, Sinn, Leistung.
→ Zum Abschnitt10 universelle Werte, zwei Achsen: Warum Wertekonflikte unvermeidlich sind — und wie man damit umgeht.
→ Zum AbschnittVerstehbarkeit, Handhabbarkeit, Bedeutsamkeit: Was Menschen durch Krisen trägt — und wie Führung das stärken kann.
→ Zum AbschnittWohlbefinden jenseits von Glück: sechs Dimensionen eines gelingenden Lebens nach Carol Ryff.
→ Zum AbschnittJob, Karriere oder Berufung — der Unterschied verändert Arbeitsleistung, Engagement und Ausdauer grundlegend.
→ Zum AbschnittWir sind die Geschichte, die wir uns erzählen. Wie Lebensnarrative Führung, Resilienz und Veränderung formen.
→ Zum AbschnittModell 01
Existenzanalyse
Was braucht ein Mensch, um wirklich lebendig zu sein — nicht nur zu funktionieren? Die Existenzanalyse gibt vier Antworten, die für Führung und Organisationsentwicklung grundlegend sind.
Die vier Grundmotivationen (Alfried Längle)
Das Bedürfnis nach Schutz, Halt und dem Recht, so zu sein, wie man ist.
Das Bedürfnis nach Nähe, Wärme und dem Erleben von Wert in der Welt.
Das Bedürfnis, als eigene Person anerkannt und gewürdigt zu werden.
Das Bedürfnis nach Sinn — einem Wozu, das über die eigene Person hinausweist.
Was ist das?
Die Existenzanalyse ist eine von Viktor Frankl begründete und von Alfried Längle weiterentwickelte Psychotherapie- und Anthropologierichtung, die sich mit den Grundbedingungen eines erfüllten menschlichen Daseins befasst. Im Zentrum stehen vier existenzielle Grundmotivationen: der Wunsch, sein zu dürfen (Raum und Halt), leben zu mögen (Wert und Beziehung), man selbst sein zu dürfen (Würde und Identität) und einen Sinn zu erleben (Zukunft und Engagement). Diese vier Dimensionen beschreiben nicht Bedürfnisse im klassischen Sinne, sondern fundamentale Bedingungen für ein menschliches In-der-Welt-Sein.
Warum ist das relevant?
Führung, die nur auf Leistung, Kompetenz und Effizienz schaut, übersieht den Menschen. Die Existenzanalyse zeigt: Wenn eine der vier Grundmotivationen dauerhaft verletzt wird — durch Angst, fehlende Wertschätzung, Würdeverletzung oder Sinnlosigkeit — reagiert der Mensch mit Rückzug, Aggression oder Erschöpfung. Was Führungskräfte oft als "mangelnde Motivation" oder "schlechte Einstellung" erleben, ist häufig das Signal einer verletzten Grundmotivation. Das verändert die Diagnose — und damit die Antwort.
Woran erkennt man das?
Verletzte Grundmotivationen zeigen sich im Alltag — in Sprache, Verhalten und Dynamiken:
- GM 1 verletzt: Menschen wirken ängstlich, hypervigilant oder ziehen sich zurück — sie fühlen sich nicht sicher.
- GM 2 verletzt: Gleichgültigkeit, zynische Äußerungen, emotionale Distanz — das Leben im Unternehmen hat keinen Wert mehr.
- GM 3 verletzt: Jemand wird wiederholt übergangen, nicht gehört oder behandelt, als sei er ersetzbar — innere Kündigung folgt.
- GM 4 verletzt: 'Wozu das alles?' — fehlende Energie, mangelndes Engagement, Dienst nach Vorschrift.
- Wenn jemand 'brennt': Alle vier GMs sind erfüllt — der Mensch erlebt Halt, Wert, Würde und Sinn gleichzeitig.
Was bedeutet das für Organisationen?
Organisationen, die Menschen nur als Ressourcen behandeln, zerstören systematisch die dritten und vierten Grundmotivation: Würde und Sinn. Das Ergebnis sind hohe Fluktuation, innere Kündigung und ein Verlust an kreativer Energie. Organisationen, die gezielt Raum schaffen — für Sicherheit, Wertschätzung, Identität und Sinnerleben — ernten nicht nur zufriedenere Menschen, sondern eine grundlegend andere Qualität von Engagement. Nicht weil sie "netter" sind, sondern weil sie den Menschen treffen, nicht nur den Mitarbeitenden.
Was kann man damit tun?
Die vier Grundmotivationen als Führungsdiagnostik nutzen:
- GM 1 stärken: Klare Rahmenbedingungen, psychologische Sicherheit, verlässliche Führung schaffen Halt.
- GM 2 stärken: Echte Wertschätzung — nicht als Ritual, sondern als aufmerksame Wahrnehmung des Menschen.
- GM 3 stärken: Menschen als Individuen sehen, nicht als Rollen — Meinungen einholen, Entscheidungen erklären.
- GM 4 stärken: Sinn explizit thematisieren — Wozu arbeiten wir? Was trägt unsere Arbeit bei?
- Diagnosefrage in Führungsgesprächen: 'Was braucht dieser Mensch gerade — Sicherheit, Wert, Würde oder Sinn?'
Praxis
Stolperfallen · Fortschritt messen · Buzzwords · Einsatz
Stolperfallen
- –Die vier Grundmotivationen als Checkliste statt als Diagnoserahmen verwenden — ohne echtes Zuhören.
- –GM 4 (Sinn) als einzige Stellschraube behandeln, während GM 1–3 unbehandelt bleiben.
- –Existenzanalyse auf Psychotherapie reduzieren — das Modell ist ebenso ein Führungs- und OE-Instrument.
Woran erkenne ich Fortschritt?
- +Mitarbeitende äußern seltener 'Wozu das alles?' — GM 4 ist spürbar stabiler.
- +Führungsgespräche adressieren das, was tatsächlich fehlt — nicht nur das sichtbare Symptom.
- +Rückzugsverhalten oder Aggression nimmt ab, wenn die dahinterliegende GM benannt wird.
- +Teams beschreiben ihre Arbeit als bedeutsam — nicht nur als Aufgabe.
Buzzword-Check
- ≠ Selbstverwirklichung: Existenzanalyse zielt nicht auf Selbstverwirklichung, sondern auf die Bedingungen eines würdevollen Daseins — das ist fundamentaler.
- ≠ Bedürfnispyramide: Maslow und Längle sind verwandt, aber unterschiedlich: Die vier GMs sind keine Hierarchie, sondern gleichzeitig relevante Dimensionen.
- ≠ Resilienztraining: Resilienz ist ein Ergebnis erfüllter GMs — nicht eine Technik, die man über verletzte GMs legen kann.
Einsatzmöglichkeiten
- Führungsgespräche: Die vier GMs als Diagnoserahmen nutzen: Was braucht diese Person gerade — Halt, Wert, Würde oder Sinn?
- Teamdiagnose: Welche GM ist im Team strukturell verletzt? Ursachen benennen statt Symptome bekämpfen.
- Kulturentwicklung: Organisationale Bedingungen prüfen: Welche GMs werden systematisch gefördert — welche untergraben?
- Führungskräfteentwicklung: Eigene verletzte GMs in der Führungsrolle reflektieren — um nicht unbewusst auf andere zu übertragen.
Modell 02
Logotherapie
Viktor Frankl überlebte Auschwitz und schrieb danach die einflussreichste Theorie des Sinnerlebens. Sein Kernsatz: Der Mensch kann fast alles ertragen — wenn er ein Warum hat.
Drei Wege zum Sinn (Viktor Frankl)
Schöpferische Werte
Tun & Gestalten
Sinn durch das, was ich der Welt gebe — Arbeit, Schöpfen, Handeln.
Erlebniswerte
Empfangen & Erfahren
Sinn durch das, was ich von der Welt empfange — Schönheit, Liebe, Begegnung.
Einstellungswerte
Haltung & Würde
Sinn durch die Haltung zu unvermeidlichem Leid — Würde im Schmerz.
Was ist das?
Logotherapie ist die von Viktor Frankl begründete "Sinntherapie" — eine psychotherapeutische Richtung, die Sinnerleben als primäre menschliche Motivation versteht. Frankl geht davon aus, dass der Mensch nicht primär Lust sucht (Freud) oder Macht (Adler), sondern Sinn. Dieser Sinn ist nicht erfunden, sondern entdeckt — er wartet in jeder Situation auf seine Verwirklichung. Frankl beschreibt drei Wege, auf denen Sinn gefunden werden kann: durch Tun, durch Erleben und durch die Haltung gegenüber unvermeidlichem Leid.
Warum ist das relevant?
Frankls bekanntester Satz lautet: "Wer ein Warum hat, erträgt fast jedes Wie." In Organisationen ist das keine Metapher — es ist eine Beschreibung der Realität. Menschen, die in ihrer Arbeit Sinn erleben, zeigen messbar höhere Resilienz, mehr Engagement und weniger Burnout-Risiko. Sinnerleben ist kein Nebenmotiv, das schön wäre, wenn vorhanden — es ist ein zentraler Faktor für Gesundheit, Leistung und Bindung. Und es ist Führungsaufgabe, die Bedingungen dafür zu schaffen.
Woran erkennt man das?
Sinnerleben und Sinnverlust sind im Arbeitsalltag deutlich spürbar:
- Menschen mit hohem Sinnerleben bleiben auch in schwierigen Phasen engagiert und orientiert.
- Bei Sinnverlust folgt oft ein gradueller Rückzug: weniger Initiative, weniger Eigenverantwortung.
- 'Wozu das alles?' ist der Satz, der Sinnverlust am deutlichsten ankündigt.
- Sinnvolles Arbeiten zeigt sich in der Bereitschaft, über das Minimum hinaus beizutragen.
- Wenn Menschen über ihre Arbeit erzählen: Leuchten sie dabei auf — oder berichten sie nur?
Was bedeutet das für Organisationen?
Sinn lässt sich nicht befehlen — aber Bedingungen lassen sich gestalten, in denen Sinn möglich wird. Frankl unterscheidet zwischen Sinn, der durch Tun entsteht (schöpferische Werte), durch Erleben (Erlebniswerte) und durch Haltung gegenüber Unvermeidlichem (Einstellungswerte). Organisationen können alle drei Zugänge fördern: sinnvolle Aufgaben gestalten, echte Begegnung ermöglichen und Menschen in schwierigen Situationen nicht alleinlassen, sondern in ihrer Würde stärken.
Was kann man damit tun?
Logotherapeutische Impulse für Führung und Organisationsentwicklung:
- Sinn explizit thematisieren: Wozu existiert dieses Team? Was trägt unsere Arbeit bei?
- Aufgaben so gestalten, dass ein 'Wozu' erkennbar ist — nicht nur ein 'Was' und 'Wie'.
- In schwierigen Phasen die Haltungsfrage stellen: Welchen Sinn können wir in dieser Situation noch finden?
- Führungsgespräche um die Frage erweitern: 'Was macht deine Arbeit für dich bedeutsam?'
- Rituale der Bedeutung schaffen: Abschiede würdigen, Erfolge feiern, Geschichten erzählen.
Praxis
Stolperfallen · Fortschritt messen · Buzzwords · Einsatz
Stolperfallen
- –Sinn als Führungsaufgabe delegieren — 'das muss jeder für sich selbst finden' ist keine Führungshaltung.
- –Frankl auf Motivation reduzieren: Logotherapie ist eine Anthropologie, kein Motivationstraining.
- –Einstellungswerte (Haltung im Leid) als Argument nutzen, Arbeitsbedingungen nicht zu verbessern.
Woran erkenne ich Fortschritt?
- +Teams können artikulieren, warum ihre Arbeit wichtig ist — mit eigenen Worten, nicht mit Unternehmensslogans.
- +Auch in schwierigen Phasen bleibt ein erkennbarer Orientierungsfaden erhalten.
- +Führungsgespräche thematisieren Bedeutung, nicht nur Leistung.
- +Menschen engagieren sich erkennbar über das Minimum hinaus — aus eigenem Antrieb.
Buzzword-Check
- ≠ Purpose-Statement: Ein formulierter Purpose ersetzt kein gelebtes Sinnerleben — Frankls Sinn muss erlebt, nicht kommuniziert werden.
- ≠ Positive Psychologie: Logotherapie ist keine Positivpsychologie: Sie akzeptiert Leid als konstitutiv — und sucht Sinn gerade darin.
- ≠ Burnout-Prävention: Sinnverlust ist ein Burnout-Treiber, aber Logotherapie ist keine Technik — sie ist eine fundamentale Anthropologie.
Einsatzmöglichkeiten
- Teamworkshops: Die drei Sinnwege explorieren: Wo erleben wir schöpferischen, erlebnis- oder haltungsbezogenen Sinn?
- Krisenbegleitung: In schwierigen Unternehmensphasen die Haltungsfrage stellen — nicht Optimismus fordern, sondern Würde stärken.
- Purpose-Arbeit: Sinn von unten aufbauen: Was trägt unsere Arbeit wirklich bei — jenseits der Unternehmenskommunikation?
- Führungsentwicklung: Eigene Sinnquellen reflektieren — wer kein Warum hat, kann es anderen nicht vermitteln.
Modell 03
Being Values
Abraham Maslow hat nicht nur eine Pyramide gebaut. Seine weniger bekannten Being Values beschreiben, was Menschen erfahren, wenn sie auf ihrem höchsten Niveau funktionieren — und was Organisationen dafür brauchen.
Ausgewählte Being Values (Maslow, 1962)
Wahrheit
Das Erleben von Echtheit — keine Fassaden, kein Vortäuschen, kein Verbiegen.
Güte
Das Erleben von Wohlwollen gegenüber anderen — ohne Berechnung oder Erwartung.
Schönheit
Das Erleben von Stimmigkeit und Ästhetik — auch in Ideen, Prozessen und Beziehungen.
Ganzheit
Das Erleben von Kohärenz — dass alles zusammengehört und einen Sinn ergibt.
Lebendigkeit
Das Erleben von Energie, Wachstum und Entfaltung — nicht nur Funktionieren.
Einzigartigkeit
Das Erleben der eigenen Besonderheit — nicht als Abgrenzung, sondern als Beitrag.
Maslow identifizierte 17 Being Values — sie beschreiben den Zustand der Selbstverwirklichung, nicht den Weg dorthin.
Was ist das?
Abraham Maslow ist bekannt für seine Bedürfnishierarchie — aber sein tiefgreifendstes Werk sind die Being Values (B-Values), die er in "Toward a Psychology of Being" (1962) beschreibt. Sie charakterisieren den Erlebniszustand von Menschen, die sich selbst verwirklichen: Wahrheit, Güte, Schönheit, Ganzheit, Lebendigkeit, Einzigartigkeit, Vollkommenheit, Notwendigkeit, Einfachheit, Spielfreude, Selbstgenügsamkeit und mehr. B-Values sind keine Ziele, die man erreichen kann — sie sind Qualitäten des Erlebens, die entstehen, wenn der Mensch voll in Kontakt mit sich und der Welt ist.
Warum ist das relevant?
Maslow beobachtete, dass Menschen, die dauerhaft keine B-Values erleben, an einer spezifischen Form von Leid erkranken — er nannte es "Metapathologie": Gleichgültigkeit, Zynismus, Sinnlosigkeit, Depersonalisation. Das klingt klinisch, ist aber im Arbeitsalltag vertraut: Menschen, die aufgehört haben zu fühlen, dass ihre Arbeit wahr, gut oder schön ist, gehen in eine innere Kündigung. Being Values machen sichtbar, was Engagement über Motivation hinaus braucht.
Woran erkennt man das?
Wenn B-Values erlebt werden, ist das spürbar — im Einzelnen wie im Team:
- Menschen sprechen über ihre Arbeit mit einer Qualität, die über Aufgaben hinausgeht: 'Das macht etwas.'
- In Meetings gibt es Momente echter Begegnung — nicht nur Informationsaustausch.
- Jemand bringt etwas mit ein, das nicht gefordert war — aus echtem Interesse.
- Teams erleben Kohärenz: 'Wir wissen, wofür wir das tun — und es stimmt für uns.'
- Abwesenheit: Zynismus, Rückzug, routiniertes Funktionieren ohne innere Beteiligung.
Was bedeutet das für Organisationen?
Organisationen, die nur auf Defizitmotivation setzen — Angst, Druck, Konkurrenz — erreichen die Schichten der Bedürfnishierarchie, aber nie die B-Values. Menschen "funktionieren", aber sie entfalten sich nicht. Maslows Konzept fordert Organisationen heraus, die Frage zu stellen: Ermöglichen wir hier wirklich menschliche Entfaltung? Nicht als Luxus, sondern als Grundbedingung für das, was Organisationen wirklich brauchen: Kreativität, Urteilsvermögen, echte Kooperation und intrinsisches Engagement.
Was kann man damit tun?
Being Values als Qualitätsmaßstab für Führung und Kulturentwicklung nutzen:
- Wahrheit ermöglichen: Ehrlichkeit, Transparenz und echtes Feedback als Kulturstandard setzen.
- Güte leben: Wohlwollen als Führungshaltung — nicht als Performance, sondern als echte Zugewandtheit.
- Schönheit in Prozessen suchen: Ist das, was wir tun, stimmig? Macht es uns stolz?
- Ganzheit fördern: Menschen als ganze Menschen sehen — nicht nur als Rollenträger.
- Frage als Reflexionsinstrument: 'Was von dem, was wir hier tun, erleben die Menschen als wahr, gut oder bedeutsam?'
Praxis
Stolperfallen · Fortschritt messen · Buzzwords · Einsatz
Stolperfallen
- –Being Values als Zielzustand behandeln, den man 'erreichen' muss — sie entstehen, sie werden nicht produziert.
- –Metapathologien (Zynismus, Gleichgültigkeit) als Charakterproblem statt als Symptom fehlender B-Values deuten.
- –Die Pyramide mit B-Values verwechseln: Maslow selbst hielt die Bedürfnishierarchie für weniger bedeutsam.
Woran erkenne ich Fortschritt?
- +Zynismus und routiniertes Funktionieren weichen einer spürbaren inneren Beteiligung.
- +Menschen sprechen über ihre Arbeit mit einer Qualität, die über reine Aufgabenbeschreibung hinausgeht.
- +Es gibt Momente echter Begegnung in Meetings — nicht nur Informationsaustausch.
- +Teams erleben Kohärenz: Das, was wir tun, stimmt mit dem überein, was uns wichtig ist.
Buzzword-Check
- ≠ Selbstaktualisierung: B-Values sind nicht Selbstaktualisierung als Ziel, sondern Qualitäten des Erlebens, wenn der Mensch ganz bei sich ist.
- ≠ Employee Experience: EX-Programme sind oft hedonisch — B-Values betreffen eudaimonisches Erleben, das tiefer liegt.
- ≠ Flow: Flow (Csikszentmihalyi) überschneidet sich mit B-Values, ist aber ein anderes Konstrukt — Engagement, nicht Werterleben.
Einsatzmöglichkeiten
- Kulturdiagnose: Welche B-Values (Wahrheit, Güte, Ganzheit) werden im Alltag tatsächlich erlebt — welche vermisst?
- Führungsfeedback: B-Values als Qualitätsmaßstab für Führungskultur: Erleben Menschen hier Echtheit, Würde, Kohärenz?
- OE-Workshops: Metapathologien als Diagnosesignal nutzen — Zynismus zeigt an, dass B-Values zu lange fehlen.
- Recruiting & Kultur-Fit: Welche B-Values sind konstitutiv für unsere Kultur — und welche Menschen gedeihen darin?
Modell 04
PERMA
Martin Seligmans Modell des Aufblühens beschreibt fünf messbare Dimensionen des menschlichen Wohlbefindens — und gibt Organisationen ein konkretes Werkzeug, um sie zu fördern.
Das PERMA-Modell (Martin Seligman, 2011)
Positive Emotions
Freude, Dankbarkeit, Neugier, Inspiration — das Erleben positiver Gefühle im Alltag.
Engagement
Flow und vollständiges Aufgehen in bedeutsamer Tätigkeit — das Vergessen der Zeit.
Relationships
Echte, tragende Beziehungen — Verbundenheit, Zugehörigkeit, gegenseitige Fürsorge.
Meaning
Das Erleben, zu etwas Größerem beizutragen — Sinn jenseits der eigenen Person.
Accomplishment
Das Erleben von Kompetenz und Erfolg — Ziele erreichen, Wachstum spüren.
PERMA beschreibt Aufblühen — nicht nur die Abwesenheit von Krankheit oder Leid.
Was ist das?
Martin Seligman, einer der Begründer der Positiven Psychologie, beschreibt in "Flourish" (2011) sein PERMA-Modell als Theorie des Wohlbefindens und des Aufblühens. PERMA steht für Positive Emotions, Engagement, Relationships, Meaning und Accomplishment — fünf Dimensionen, die zusammen beschreiben, was ein gutes, erfülltes Leben ausmacht. Das Modell ist wissenschaftlich fundiert, messbar und auf Organisationen anwendbar: Nicht als Selbsthilfe-Formel, sondern als ernsthaftes Instrument zur Diagnose und Förderung menschlichen Gedeihens.
Warum ist das relevant?
Seligman zeigt: Das Ziel der Positiven Psychologie ist nicht Glück im Sinne von Zufriedenheit — es ist Aufblühen ("Flourishing"). Forschung belegt, dass höheres PERMA mit gesteigerter Produktivität, weniger Krankheitstagen, niedrigerer Fluktuation und höherer Kreativität einhergeht. Besonders die Dimensionen Meaning und Relationships sind in Organisationen oft vernachlässigt — mit messbaren Kosten. Wer in die PERMA-Dimensionen investiert, investiert nicht in Wohlfühl-Programme, sondern in wirtschaftlich relevante Outcomes.
Woran erkennt man das?
Hohe PERMA-Werte sind in Teams und Kulturen erkennbar:
- P: Menschen lachen, sind neugierig, bringen Energie mit — nicht nur Pflichterfüllung.
- E: Es gibt Aufgaben, bei denen Zeit vergisst zu existieren — Flow ist Teil des Alltags.
- R: Kolleginnen und Kollegen kennen sich als Menschen, nicht nur als Rollen.
- M: Menschen können erklären, warum ihre Arbeit wichtig ist — aus echtem Überzeugtsein.
- A: Erfolge werden bemerkt, benannt und gefeiert — nicht sofort vom nächsten Ziel überschattet.
Was bedeutet das für Organisationen?
PERMA lässt sich als Diagnose- und Entwicklungsrahmen für Organisationskultur nutzen. Jede der fünf Dimensionen hat eine organisationale Entsprechung: Positive Emotions entstehen durch Wertschätzung und Freude an der Arbeit; Engagement durch sinnvolle, herausfordernde Aufgaben; Relationships durch echte Verbundenheit und Vertrauen; Meaning durch Purpose und Ausrichtung auf etwas Größeres; Accomplishment durch Zielerreichung und sichtbares Wachstum. Eine Organisation, die alle fünf Dimensionen bewusst fördert, schafft Bedingungen für nachhaltiges menschliches Gedeihen.
Was kann man damit tun?
PERMA als Entwicklungskompass für Führung und Teamkultur:
- PERMA-Diagnose: In welchen der fünf Dimensionen ist unser Team besonders stark — oder schwach?
- P stärken: Rituale der Freude einführen — Erfolge feiern, Humor zulassen, Dankbarkeit praktizieren.
- E stärken: Aufgaben so gestalten, dass Flow möglich ist — Stärken nutzen, Herausforderungen dosieren.
- R stärken: Beziehungszeit bewusst schaffen — nicht nur Projektarbeit, sondern echte Begegnung.
- M & A stärken: Purpose-Gespräche führen und Wachstum sichtbar machen — 'What Went Well' als Ritual.
Praxis
Stolperfallen · Fortschritt messen · Buzzwords · Einsatz
Stolperfallen
- –PERMA als Happiness-Programm missverstehen — es ist ein Rahmen für Flourishing, nicht für gute Laune.
- –Einzelne Dimensionen isoliert fördern und dabei systemische Zusammenhänge übersehen.
- –Meaning (M) und Accomplishment (A) zugunsten von P und E vernachlässigen — dabei sind sie besonders wirksam.
Woran erkenne ich Fortschritt?
- +Alle fünf Dimensionen sind im Team spürbar — nicht nur P (Stimmung) und A (Zielerreichung).
- +Beziehungsqualität (R) hat sich messbar verbessert — echtes Interesse aneinander ist sichtbar.
- +Meaning-Gespräche finden statt — auch außerhalb formaler Entwicklungsgespräche.
- +Erfolgserlebnisse werden benannt und gewürdigt, bevor das nächste Ziel gesetzt wird.
Buzzword-Check
- ≠ Work-Life-Balance: PERMA fragt nicht nach Balance, sondern nach Flourishing — auch schwierige Arbeit kann aufblühen lassen.
- ≠ Mitarbeiterzufriedenheit: Zufriedenheit ist hedonisch — PERMA zielt auf eudaimonisches Gedeihen, das tiefer und nachhaltiger wirkt.
- ≠ Positive Thinking: Seligman distanziert sich von reinem Positivdenken — PERMA integriert Rückschläge als Teil des Wachstums.
Einsatzmöglichkeiten
- Teamdiagnose: PERMA-Profil des Teams erstellen: Wo sind wir stark, wo strukturell schwach?
- Führungsentwicklung: Eigenes PERMA-Profil in der Führungsrolle reflektieren — und daraus Prioritäten ableiten.
- Kulturgestaltung: Alle fünf Dimensionen als Gestaltungsrahmen für Rituale, Strukturen und Kommunikation nutzen.
- BGM & Prävention: PERMA als Ergänzung zu Stressmanagement: Flourishing-Förderung wirkt anders als reine Belastungsreduktion.
Modell 05
Schwartz Wertekreis
Werte schließen sich nicht zufällig aus oder ergänzen einander — sie folgen einer Struktur. Shalom Schwartz hat sie in einem universellen Kreismodell abgebildet, das in über 80 Ländern empirisch bestätigt wurde.
Die zwei Spannungsachsen (Schwartz, 1992)
Selbsttranszendenz ↔ Selbststärkung
Werte, die das Wohl anderer betonen (Universalismus, Wohlwollen) stehen in Spannung zu Werten, die persönlichen Erfolg und Status priorisieren (Leistung, Macht).
Offenheit für Wandel ↔ Bewahrung
Werte, die Eigenständigkeit und Veränderung fördern (Selbstbestimmung, Stimulation) stehen in Spannung zu Werten, die Sicherheit und Tradition betonen (Konformität, Tradition, Sicherheit).
Benachbarte Werte im Kreis sind kompatibel — gegenüberliegende stehen in Spannung zueinander.
Was ist das?
Shalom Schwartz entwickelte ab 1992 eine universelle Wertetheorie, die auf Daten aus über 80 Ländern basiert. Er identifizierte zehn grundlegende Wertetypen — von Macht und Leistung über Universalismus und Wohlwollen bis zu Sicherheit und Tradition — und ordnete sie in einem Kreismodell an. Die entscheidende Erkenntnis: Werte bilden keine zufällige Liste, sondern eine Struktur mit vorhersehbaren Kompatibilitäten und Spannungen. Wer Leistung betont, wird Universalismus tendenziell vernachlässigen. Wer Tradition schätzt, hat oft Spannung mit Stimulation und Selbstbestimmung.
Warum ist das relevant?
Wertekonflikte in Organisationen sind häufig — aber selten werden sie als das erkannt, was sie sind. Wenn ein Team endlos über eine Entscheidung streitet, liegt das oft nicht an fehlenden Informationen, sondern an unterschiedlichen Werteprioritäten. Das Schwartz-Modell bietet einen Rahmen, um diese Unterschiede sichtbar und besprechbar zu machen: ohne Schuldzuweisung, ohne Hierarchie der "richtigen" Werte. Es ist außerdem eines der empirisch am besten gesicherten Modelle der Werteforschung — kulturübergreifend repliziert und messbar.
Woran erkennt man das?
- Teams, die ihre Wertestruktur kennen, streiten weniger über Symptome und mehr über Ursachen.
- Entscheidungskonflikte werden als Werteabwägungen benannt — nicht als Meinungsverschiedenheiten.
- Führungskräfte können erklären, welche Werte ihre Entscheidungen leiten — und welche sie dabei zurückstellen.
- Kulturarbeit beginnt mit einer Bestandsaufnahme der tatsächlich gelebten Werte, nicht der offiziell kommunizierten.
- Spannungen zwischen Innovation und Stabilität werden als strukturelle Wertekonkurrenz verstanden.
Was bedeutet das für Organisationen?
Organisationskulturen haben Werteprioritäten — ob bewusst oder unbewusst. Ein Start-up betont Stimulation und Selbstbestimmung. Ein reguliertes Unternehmen betont Sicherheit und Konformität. In Fusionen, Kulturveränderungen oder der Integration neuer Teams prallen diese Prioritäten aufeinander. Das Schwartz-Modell hilft, diese Kollisionen zu benennen, bevor sie eskalieren. Es macht deutlich: Es gibt keine "richtigen" Werte — aber es gibt Werteprioritäten, die zu bestimmten Strategien, Umgebungen und Menschen passen oder nicht.
Was kann man damit tun?
- Die eigenen Top-Werte im Kreismodell verorten — und die damit verbundenen Spannungen bewusst benennen.
- In Führungsteams die Werteprofile der Mitglieder sichtbar machen — als Grundlage für Verständnis, nicht Urteil.
- Wertekonflikte in Entscheidungen explizit ansprechen: 'Welche Werte stehen hier in Konkurrenz?'
- Bei Kulturarbeit mit dem Ist-Zustand beginnen: Welche Werte werden tatsächlich gelebt — nicht welche stehen im Leitbild?
- Den Wertekreis bei Recruiting und Teamzusammenstellung als Kompassinstrument nutzen.',
Praxis
Stolperfallen · Fortschritt messen · Buzzwords · Einsatz
Stolperfallen
- –Wertekonflikte als mangelnde Einigkeit deuten — statt als strukturell bedingte, legitime Spannungen.
- –Unternehmenswerte top-down verkünden, ohne die tatsächlich gelebten Werte der Organisation zu kennen.
- –Den Wertekreis als Test für 'richtige' Werte verwenden — Schwartz zeigt Struktur, keine Hierarchie.
Woran erkenne ich Fortschritt?
- +Teams benennen Wertekonflikte als solche — statt sie als Charakterprobleme oder Kommunikationsprobleme zu behandeln.
- +Entscheidungen werden mit den dahinterliegenden Werteprioritäten begründet.
- +Kulturarbeit startet mit einer Bestandsaufnahme gelebter Werte, nicht mit der Neuformulierung von Leitbildern.
- +Spannungen zwischen Stabilität und Innovation werden sachlich verhandelt statt personalisiert.
Buzzword-Check
- ≠ Wertearbeit: Wertearbeit ohne das Schwartz-Modell bleibt oft bei Wunschlisten — das Modell macht Spannungen und Trade-offs sichtbar.
- ≠ Culture Fit: Culture Fit ohne Wertestruktur ist subjektiv — Schwartz ermöglicht eine strukturierte, weniger biasanfällige Einschätzung.
- ≠ Diversity & Inclusion: D&I-Spannungen haben oft eine Wertestruktur: Universalismus vs. Tradition oder Selbstbestimmung vs. Konformität.
Einsatzmöglichkeiten
- Konfliktmoderation: Wiederkehrende Konflikte auf die zugrunde liegende Wertestruktur zurückführen — nicht auf Personen.
- Kulturanalyse: Gelebte vs. kommunizierte Werte vergleichen: Was wird tatsächlich priorisiert, wenn es darauf ankommt?
- Führungsteams: Werteprofile der Mitglieder sichtbar machen — als Grundlage für produktives Verständnis füreinander.
- M&A / Integration: In Fusionsprozessen Wertestrukturen beider Organisationen frühzeitig kartieren und Kollisionen antizipieren.
Modell 06
Kohärenzgefühl
Aaron Antonovsky fragte nicht, was Menschen krank macht — sondern was sie gesund hält. Seine Antwort: das Kohärenzgefühl. Ein Konstrukt, das Sinn, Handlungsfähigkeit und Orientierung in einem vereint.
Die drei Komponenten des Kohärenzgefühls (Antonovsky, 1987)
Comprehensibility
Verstehbarkeit
Die Welt ist strukturiert, vorhersehbar und erklärbar — auch wenn sie schwierig ist. Man versteht, was passiert.
Manageability
Handhabbarkeit
Man hat die Ressourcen, mit den Anforderungen umzugehen — eigene Fähigkeiten, Unterstützung oder beides.
Meaningfulness
Bedeutsamkeit
Die Anforderungen des Lebens sind es wert, Energie zu investieren. Es gibt einen Grund, sich einzusetzen.
Bedeutsamkeit ist die motivationale Wurzel — ohne sie bleiben Verstehen und Handeln ohne Antrieb.
Was ist das?
Aaron Antonovsky entwickelte in den 1970er und 1980er Jahren das Konzept der Salutogenese — eine Gegenbewegung zur pathogenetischen Perspektive der Medizin, die fragt, was Menschen krank macht. Antonovskys Frage war umgekehrt: Was hält Menschen gesund, auch unter widrigen Bedingungen? Seine Antwort: das Kohärenzgefühl — eine globale Grundorientierung, die beschreibt, in welchem Maß eine Person die Welt als verständlich, handhabbar und bedeutsam erlebt. Menschen mit hohem Kohärenzgefühl sind widerstandsfähiger, erholen sich besser von Belastungen und erleben mehr Sinn.
Warum ist das relevant?
Das Kohärenzgefühl verbindet drei Dimensionen, die in Organisationskontexten getrennt behandelt werden: Orientierung (Verstehbarkeit), Befähigung (Handhabbarkeit) und Sinn (Bedeutsamkeit). Führungskräfte, die alle drei stärken — durch Transparenz, Ressourcen und Sinnbezug — fördern nicht nur Leistung, sondern Gesundheit. Metaanalysen zeigen konsistent: Ein hohes Kohärenzgefühl ist einer der stärksten Prädiktoren für psychische Gesundheit, Wohlbefinden und Stressresilienz — über Kulturen und Altersgruppen hinweg.
Woran erkennt man das?
- Mitarbeitende verstehen, warum Entscheidungen getroffen werden — nicht nur was entschieden wurde.
- Menschen fühlen sich ihren Aufgaben gewachsen — und wissen, wen sie um Unterstützung bitten können.
- Die Arbeit wird als bedeutsam erlebt — es gibt einen nachvollziehbaren Beitrag zu etwas Größerem.
- In Krisensituationen bleibt die Handlungsfähigkeit erhalten — statt Lähmung entsteht Orientierung.
- Führungskräfte kommunizieren konsistent: Was passiert, warum es passiert, und was es bedeutet.
Was bedeutet das für Organisationen?
Organisationen können das Kohärenzgefühl ihrer Mitarbeitenden aktiv fördern — auf allen drei Ebenen. Verstehbarkeit entsteht durch konsequente, ehrliche Kommunikation — auch über schwierige Themen. Handhabbarkeit entsteht durch ausreichende Ressourcen, klare Rollen und eine Führungskultur, die Unterstützung ermöglicht statt verhindert. Bedeutsamkeit entsteht, wenn die Verbindung zwischen individueller Arbeit und einem sinnvollen Ganzen sichtbar gemacht wird. Das ist keine Motivationsrhetorik — es ist Gesundheitsförderung mit empirischer Grundlage.
Was kann man damit tun?
- Verstehbarkeit stärken: Entscheidungen nicht nur verkünden, sondern erklären — Kontext und Begründung mitgeben.
- Handhabbarkeit prüfen: Haben Mitarbeitende die Ressourcen, Fähigkeiten und Unterstützung, die ihre Aufgaben erfordern?
- Bedeutsamkeit explizit machen: Den Beitrag jeder Rolle zum Ganzen sichtbar und besprechbar machen.
- In Veränderungsprozessen alle drei Komponenten gezielt ansprechen — nicht nur die inhaltliche Sachebene.
- Das Kohärenzgefühl als Diagnoseinstrument nutzen: Wo fehlt Verstehen, Handlungsfähigkeit oder Sinn?
Praxis
Stolperfallen · Fortschritt messen · Buzzwords · Einsatz
Stolperfallen
- –Nur Bedeutsamkeit fördern, ohne Verstehbarkeit herzustellen — Sinn ohne Orientierung erzeugt Ohnmacht.
- –Handhabbarkeit als rein technische Ressourcenfrage verstehen — soziale Unterstützung ist genauso zentral.
- –Das Kohärenzgefühl als stabil behandeln: In Transformationen bricht es auf und muss aktiv wiederhergestellt werden.
Woran erkenne ich Fortschritt?
- +Mitarbeitende verstehen, warum Entscheidungen getroffen werden — Verwirrung und Gerüchte nehmen ab.
- +In Krisen bleibt die Handlungsfähigkeit erhalten — Lähmung weicht Orientierung.
- +Die Verbindung zwischen persönlicher Arbeit und einem sinnvollen Ganzen wird artikuliert.
- +Führungskräfte kommunizieren konsistent alle drei Komponenten: Was, warum und was es bedeutet.
Buzzword-Check
- ≠ Resilienz: Resilienz ist ein Ergebnis eines hohen Kohärenzgefühls, nicht eine trainierbare Eigenschaft unabhängig vom Umfeld.
- ≠ Transparenz: Transparenz allein erzeugt noch keine Verstehbarkeit — Kontext und Begründung sind entscheidend.
- ≠ Gesundheitsmanagement: BGM, das nur Stressreduktion anbietet, adressiert die Oberfläche — Salutogenese fragt nach den Bedingungen des Gesundbleibens.
Einsatzmöglichkeiten
- Veränderungsprozesse: Alle drei Komponenten aktiv adressieren: Warum passiert das? Was brauchen wir dafür? Was bedeutet es für uns?
- Führungsaudit: Kommunizieren Führungskräfte Verstehbarkeit, Handhabbarkeit und Bedeutsamkeit — oder nur Ziele und Maßnahmen?
- Onboarding: Neuen Mitarbeitenden von Beginn an Orientierung geben — nicht erst nach der Probezeit.
- BGM & Prävention: Kohärenzgefühl als Messgröße einführen — es ist valider Prädiktor für psychische Gesundheit und Fehlzeiten.
Modell 07
Eudaimonisches Wohlbefinden
Wohlbefinden ist nicht gleich Wohlbefinden. Aristoteles unterschied Hedonia (sich gut fühlen) von Eudaimonia (gut leben). Carol Ryff übersetzte diese philosophische Unterscheidung in sechs messbare Dimensionen.
Die sechs Dimensionen nach Ryff (1989)
Selbstakzeptanz
Eine positive Einstellung zu sich selbst — einschließlich der eigenen Stärken und Grenzen.
Persönliches Wachstum
Das Gefühl, sich kontinuierlich weiterzuentwickeln und neues Potenzial zu entfalten.
Lebenssinn
Ziele und Überzeugungen, die dem Leben Richtung und Bedeutung geben.
Umweltkompetenz
Die Fähigkeit, die eigene Umgebung aktiv zu gestalten und an die eigenen Bedürfnisse anzupassen.
Autonomie
Selbstbestimmtes Handeln nach eigenen Maßstäben — unabhängig von sozialem Druck.
Positive Beziehungen
Tiefe, vertrauensvolle und bedeutsame Beziehungen zu anderen Menschen.
Eudaimonisches Wohlbefinden zeigt sich nicht im Gefühl, glücklich zu sein — sondern darin, gut zu leben.
Was ist das?
Eudaimonia geht auf Aristoteles zurück, der zwischen Hedonia (Wohlbefinden als Lust und Schmerzfreiheit) und Eudaimonia (Wohlbefinden als Entfaltung des eigenen Potenzials und Lebens im Einklang mit den eigenen Werten) unterschied. Carol Ryff übersetzte diese Unterscheidung 1989 in ein empirisch messbares Modell mit sechs Dimensionen: Selbstakzeptanz, persönliches Wachstum, Lebenssinn, Umweltkompetenz, Autonomie und positive Beziehungen. Der entscheidende Unterschied zu hedonischen Modellen: Es geht nicht darum, wie jemand sich fühlt — sondern wie jemand lebt und funktioniert.
Warum ist das relevant?
Die Unterscheidung zwischen hedonischem und eudaimonischem Wohlbefinden hat praktische Konsequenzen für Organisationen. Maßnahmen, die hedonisches Wohlbefinden fördern — Obstkorb, Lounge, Teamausflug — berühren eudaimonisches Wohlbefinden kaum. Eudaimonisches Wohlbefinden entsteht durch bedeutsame Arbeit, persönliches Wachstum, Autonomie und echte Beziehungen. Forschung zeigt außerdem: Eudaimonisches Wohlbefinden ist ein stärkerer Prädiktor für langfristige Gesundheit, Leistungsfähigkeit und Engagement als hedonisches — es geht tiefer.
Woran erkennt man das?
- Menschen beschreiben ihre Arbeit als bedeutsam und als Teil von etwas Größerem — nicht nur als Aufgabenliste.
- Es gibt eine spürbare Entwicklung: Menschen wachsen in ihren Rollen, statt sich zu wiederholen.
- Mitarbeitende handeln aus eigener Überzeugung — nicht weil sie beobachtet werden.
- Beziehungen im Team gehen über funktionierende Zusammenarbeit hinaus — es gibt echtes Interesse aneinander.
- Fehler und Grenzen werden offen benannt — Selbstakzeptanz ist kein Zeichen von Schwäche.
Was bedeutet das für Organisationen?
Organisationen, die eudaimonisches Wohlbefinden fördern wollen, müssen an anderen Hebeln ansetzen als solche, die nur Arbeitszufriedenheit messen. Ryffs sechs Dimensionen sind ein Diagnosewerkzeug: Haben Mitarbeitende Entwicklungsmöglichkeiten? Erleben sie Sinn? Haben sie Autonomie? Pflegen sie bedeutsame Beziehungen? Jede dieser Dimensionen lässt sich durch Führung, Struktur und Kultur gestalten — oder unterlaufen. Betriebliches Gesundheitsmanagement, das nur auf Stressreduktion setzt, löst das eigentliche Problem nicht: fehlende eudaimonische Grundlage.
Was kann man damit tun?
- Die sechs Ryff-Dimensionen als Gesprächsrahmen in Entwicklungsgesprächen nutzen.
- Wachstum ermöglichen: Aufgaben, die fordern, statt unterfordern — Entwicklung ist kein Nebenthema.
- Sinn explizit verknüpfen: Den Beitrag jeder Rolle zu einem bedeutsamen Ganzen sichtbar machen.
- Autonomie als Führungsprinzip verankern: Selbstbestimmung ist kein Privileg — sie ist eine Grundbedingung.
- Hedonische Maßnahmen nicht als Ersatz für eudaimonische Gestaltung verstehen — sie ergänzen sich, aber nicht umgekehrt.
Praxis
Stolperfallen · Fortschritt messen · Buzzwords · Einsatz
Stolperfallen
- –Hedonische Maßnahmen als Ersatz für eudaimonische Gestaltung missverstehen — Obstkorb und Lounge berühren Lebenssinn kaum.
- –Eudaimonie als philosophisches Konzept abtun — Ryffs sechs Dimensionen sind messbar und interventionsfähig.
- –Betriebliches Gesundheitsmanagement auf Stressreduktion reduzieren, ohne die eudaimonische Grundlage zu adressieren.
Woran erkenne ich Fortschritt?
- +Menschen beschreiben ihre Arbeit als bedeutsam — nicht nur als Aufgabenliste.
- +Entwicklung findet sichtbar statt: Rollen wachsen, statt sich zu wiederholen.
- +Mitarbeitende handeln aus eigener Überzeugung — nicht weil sie beobachtet werden.
- +Ryff-Werte steigen messbar in Mitarbeiterbefragungen — besonders Autonomie und Lebenssinn.
Buzzword-Check
- ≠ Work-Life-Balance: Eudaimonie fragt nicht nach Balance — sondern nach der Qualität des Lebens selbst: Sinn, Wachstum, Autonomie.
- ≠ Mitarbeiterzufriedenheit: Zufriedenheit ist hedonisch. Eudaimonisches Wohlbefinden ist tiefer und stabiler — auch in schwierigen Phasen.
- ≠ Happiness-Programm: Glück ist ein Gefühl. Eudaimonie ist eine Lebensweise — sie entsteht durch Führung und Struktur, nicht durch Events.
Einsatzmöglichkeiten
- Entwicklungsgespräche: Ryffs sechs Dimensionen als Reflexionsrahmen nutzen — jenseits von Zielen und Leistung.
- BGM: Betriebliches Gesundheitsmanagement um eudaimonische Dimensionen erweitern: Sinn, Wachstum, Autonomie.
- Organisationsdiagnose: Ryff-Skala als Ergänzung zu klassischen Engagement-Surveys — für tieferes Verständnis von Wohlbefinden.
- Führungsentwicklung: Führungskräfte befähigen, eudaimonische Bedingungen zu gestalten — nicht nur hedonische Maßnahmen anzubieten.
Modell 08
Calling / Berufung
Manche Menschen haben einen Job. Andere eine Karriere. Und einige erleben ihre Arbeit als Berufung. Diese Unterscheidung klingt simpel — und verändert alles.
Drei Orientierungen zur Arbeit (Wrzesniewski et al., 1997)
Job
Arbeit als Mittel
- Hauptmotiv: Einkommen
- Arbeit endet mit Feierabend
- Engagement situativ
- Bedeutung liegt außerhalb der Arbeit
Karriere
Arbeit als Aufstieg
- Hauptmotiv: Status & Erfolg
- Investition in Sichtbarkeit
- Engagement an Aufstieg geknüpft
- Bedeutung durch Anerkennung
Calling
Arbeit als Berufung
- Hauptmotiv: Sinn & Beitrag
- Arbeit ist Teil der Identität
- Engagement intrinsisch
- Bedeutung in der Arbeit selbst
Was ist das?
Amy Wrzesniewski und Kolleginnen beschrieben 1997 drei grundlegende Orientierungen zur Arbeit: Job, Karriere und Calling. Menschen mit einer Calling-Orientierung erleben ihre Arbeit nicht als Mittel zum Zweck oder als Aufstiegspfad, sondern als Ausdruck ihrer Identität und als Beitrag zu etwas Bedeutsamem. Bryan Dik und Ryan Duffy entwickelten das Konstrukt weiter: Calling umfasst einen transzendenten Ruf (die Arbeit fühlt sich "gerufen" an, nicht nur gewählt), Sinnhaftigkeit und eine prosoziale Ausrichtung — die Arbeit dient anderen oder einem größeren Ganzen.
Warum ist das relevant?
Menschen mit einer Calling-Orientierung zeigen in der Forschung höhere Arbeitszufriedenheit, stärkeres Engagement, weniger Burnout-Risiko und größere Bereitschaft, über das Vereinbarte hinaus beizutragen. Ein wichtiger Befund: Die Orientierung hängt nicht vom Beruf ab. Krankenpfleger, Reinigungskräfte und Juristinnen können gleichermaßen eine Calling-Orientierung haben oder nicht. Es geht nicht um die Tätigkeit — es geht um die Beziehung zur Tätigkeit. Das verändert, wie Organisationen über Sinnstiftung denken sollten.
Woran erkennt man das?
- Menschen beschreiben ihre Arbeit in Begriffen von Beitrag und Bedeutung — nicht nur von Aufgaben und Zuständigkeiten.
- Engagement bleibt auch dann hoch, wenn äußere Anreize (Gehaltserhöhung, Beförderung) ausbleiben.
- Die Frage 'Warum tust du das?' wird mit Überzeugung beantwortet — nicht mit Schulterzucken.
- Menschen setzen sich über das Geforderte hinaus ein — nicht weil sie müssen, sondern weil es ihnen wichtig ist.
- Jobangebote mit besserem Gehalt aber weniger Sinn werden bewusst abgelehnt.
Was bedeutet das für Organisationen?
Organisationen können Calling nicht erzwingen — aber sie können die Bedingungen schaffen oder zerstören, unter denen es entstehen kann. Wer Mitarbeitenden den Zusammenhang zwischen ihrer Arbeit und einem bedeutsamen Ganzen sichtbar macht, wer Autonomie und Wachstum ermöglicht, wer den Beitrag jeder Rolle ernst nimmt, schafft den Boden für Calling-Orientierung. Wer Arbeit auf reine Aufgabenerfüllung reduziert, erzeugt Job-Orientierung — auch bei Menschen, die eine Berufung mitgebracht haben. Ein besonderer Risikofaktor: unantwortetes Calling — das Gefühl, eigentlich woanders oder anders wirken zu müssen — ist eine der stärksten Quellen innerer Kündigung.
Was kann man damit tun?
- In Entwicklungsgesprächen explizit fragen: Was gibt dieser Arbeit für dich Bedeutung? Was würdest du auch ohne Gehaltserhöhung tun?
- Den Beitrag jeder Rolle zu einem sinnvollen Ganzen sichtbar machen — nicht nur für Führungspositionen.
- Job-Crafting ermöglichen: Mitarbeitende gestalten Aufgaben und Beziehungen so, dass sie besser zur eigenen Calling-Orientierung passen.
- Recruiting und Onboarding auf Sinnkongruenz ausrichten: Passt die Arbeit zu dem, was diesem Menschen wichtig ist?
- Unantwortetes Calling ernst nehmen: Wer das Gefühl hat, woanders gebraucht zu werden, geht früher oder später auch.
Praxis
Stolperfallen · Fortschritt messen · Buzzwords · Einsatz
Stolperfallen
- –Calling durch Incentives erzwingen wollen — es entsteht durch Bedingungen, nicht durch Boni.
- –Calling als Privileg von Führungskräften oder Kreativen sehen — es ist in jeder Rolle möglich.
- –Unantwortetes Calling ignorieren — es ist eine der stärksten Quellen innerer Kündigung.
Woran erkenne ich Fortschritt?
- +Menschen beschreiben ihre Arbeit in Begriffen von Beitrag — nicht nur von Aufgaben und Zuständigkeiten.
- +Engagement bleibt auch dann hoch, wenn äußere Anreize ausbleiben.
- +Job-Crafting findet statt: Mitarbeitende gestalten aktiv, wie sie ihre Rolle ausfüllen.
- +Fluktuation bei Mitarbeitenden mit hoher Sinnkongruenz sinkt messbar.
Buzzword-Check
- ≠ Purpose-Driven: Purpose ist ein Organisationsbegriff. Calling ist individuell — beide müssen nicht deckungsgleich sein, aber sie können sich stärken.
- ≠ Leidenschaft folgen: Calling entsteht oft durch Kompetenz und Beitrag — nicht durch das Verfolgen diffuser Leidenschaften.
- ≠ Mitarbeiterbindung: Calling ist kein Bindungsinstrument — es ist eine Grundlage für intrinsisches Engagement. Der Unterschied ist entscheidend.
Einsatzmöglichkeiten
- Entwicklungsgespräche: Explizit fragen: Was gibt dieser Arbeit für dich Bedeutung? Was würdest du auch ohne Gehaltserhöhung tun?
- Recruiting & Onboarding: Sinnkongruenz als Kriterium: Passt die Arbeit zu dem, was diesem Menschen wirklich wichtig ist?
- Job-Crafting: Mitarbeitenden Gestaltungsspielraum geben, Aufgaben und Beziehungen an ihre Calling-Orientierung anzupassen.
- Talentbindung: Unantwortetes Calling ernst nehmen — wer das Gefühl hat, woanders gebraucht zu werden, geht früher oder später.
Modell 09
Narrative Identität
Wir sind nicht die Summe unserer Erfahrungen — sondern die Geschichte, die wir darüber erzählen. Wie diese Geschichte aufgebaut ist, entscheidet über Sinn, Resilienz und die Fähigkeit, andere zu führen.
Zwei Narrativmuster und ihre Wirkung (McAdams)
Kontaminationssequenz
Etwas Gutes kippt ins Negative. Die Geschichte endet in Verlust, Enttäuschung oder Stagnation — ohne integrierten Sinn.
Korreliert mit: geringerem Wohlbefinden, Selbstwirksamkeit und Generativität.
Erlösungssequenz
Schwieriges wird als Wendepunkt integriert — Rückschläge führen zu Reifung, Erkenntnis oder Neuausrichtung.
Korreliert mit: psychologischer Gesundheit, Führungsqualität und der Fähigkeit, anderen Sinn zu vermitteln.
Die Erfahrung ist oft dieselbe — der Unterschied liegt in der narrativen Rahmung.
Was ist das?
Dan McAdams entwickelte ab den 1980er Jahren die Theorie der narrativen Identität: Identität ist kein stabiles inneres Konstrukt, sondern eine sich fortlaufend entwickelnde Geschichte — ein persönlicher Mythos, den wir über unser Leben erzählen. Diese Geschichte integriert Vergangenheit (autobiografische Erinnerungen), Gegenwart (aktuelles Selbstbild) und Zukunft (antizipierte Kapitel) zu einem kohärenten Ganzen. Besonders relevant: McAdams identifizierte zwei Hauptmuster, die diese Lebensgeschichten prägen — Kontaminationssequenzen und Erlösungssequenzen — und zeigte, dass ihre Verteilung mit psychologischem Wohlbefinden, Führungsqualität und dem Vermögen, anderen Sinn zu geben, zusammenhängt.
Warum ist das relevant?
Führungskräfte, die eine kohärente, integrierte Lebensgeschichte artikulieren können — mit Wendepunkten, Rückschlägen und dem roten Faden durch sie hindurch — inspire people in a way that abstract values statements cannot. Authentische Führung ist zu einem erheblichen Teil narrative Führung. Darüber hinaus hat narrative Identität eine direkte therapeutische Dimension: Wer schwierige Erfahrungen als sinnvolle Kapitel der eigenen Geschichte integrieren kann statt als Brüche, die man lieber überspringt, zeigt mehr Resilienz, höhere psychologische Gesundheit und stärkere Generativität — den Wunsch, anderen etwas Bleibendes weiterzugeben.
Woran erkennt man das?
- Führungskräfte können ihre Entwicklungsgeschichte kohärent erzählen — mit Wendepunkten, nicht nur Erfolgen.
- Rückschläge und Krisen werden als bedeutsame Kapitel integriert, nicht als Lücken übersprungen.
- Die Geschichte hat erkennbare Themen: wiederkehrende Werte, Motivationen und Überzeugungen.
- Schwierige Erfahrungen werden mit Sinn gerahmt — nicht glorifiziert, aber auch nicht verdrängt.
- Die Person kann anderen aus ihrer Geschichte heraus Orientierung geben — nicht durch Ratschläge, sondern durch Zeugnis.
Was bedeutet das für Organisationen?
Organisationen haben ebenfalls narrative Identitäten: Gründungsgeschichten, prägende Krisen, kulturelle Wendepunkte. Diese Narrative — wer wir sind, wo wir herkommen, was uns durch schwierige Zeiten gebracht hat — formen Kultur wirksamer als jedes Leitbild. In Veränderungsprozessen ist das besonders relevant: Eine neue Zukunft, die die bisherige Geschichte der Organisation nicht würdigt oder auslöscht, stößt auf Widerstand — nicht weil Menschen nicht veränderungsbereit sind, sondern weil ihre narrative Identität bedroht ist. Die Brücke zwischen alter und neuer Geschichte zu bauen ist eine der anspruchsvollsten Führungsaufgaben in Transformationen.
Was kann man damit tun?
- Die eigene Lebensgeschichte reflektieren: Was sind die Wendepunkte? Welche Erlösungssequenzen lassen sich erkennen?
- In Führungsentwicklung gezielt an der persönlichen Narrative arbeiten — nicht als Selbstdarstellung, sondern als Identitätsklärung.
- Die eigene Führungsgeschichte authentisch teilen: Was hat mich geprägt? Was habe ich daraus gemacht?
- In Veränderungsprozessen eine narrative Brücke bauen: 'Das ist, wer wir waren — und das ist, warum dieser Weg zu uns passt.'
- Die Organisationsgeschichte bewusst pflegen: Gründungsmomente, Krisen und Wendepunkte als kollektive Ressource verstehen.
Praxis
Stolperfallen · Fortschritt messen · Buzzwords · Einsatz
Stolperfallen
- –Erfolgsgeschichten ohne Wendepunkte erzählen — das macht Führung unglaubwürdig statt inspirierend.
- –Rückschläge als Lücken in der eigenen Geschichte behandeln, statt sie als sinnvolle Kapitel zu integrieren.
- –In Transformationen die bisherige Organisationsgeschichte negieren — statt eine Brücke zwischen alt und neu zu bauen.
Woran erkenne ich Fortschritt?
- +Führungskräfte erzählen ihre Entwicklungsgeschichte kohärent — mit Wendepunkten, nicht nur Erfolgen.
- +Rückschläge werden als bedeutsame Kapitel integriert, nicht als Lücken übersprungen.
- +In Veränderungsprozessen wird eine narrative Brücke gebaut: Das ist, wer wir waren — und warum dieser Weg zu uns passt.
- +Die Organisationsgeschichte wird bewusst gepflegt und als kollektive Ressource verstanden.
Buzzword-Check
- ≠ Authentic Leadership: Authentizität entsteht nicht durch Selbstoffenbarung — sondern durch narrative Kohärenz: eine integrierte Geschichte mit rotem Faden.
- ≠ Storytelling: Narrative Identität ist keine Kommunikationstechnik — sie ist Identitätsarbeit. Das ist tiefer als Storytelling als Führungsinstrument.
- ≠ Change Management: Veränderungswiderstand ist oft narrativer Widerstand — die neue Zukunft passt nicht zur bisherigen Geschichte der Organisation.
Einsatzmöglichkeiten
- Führungsentwicklung: An der persönlichen Narrative arbeiten — Wendepunkte identifizieren, Erlösungssequenzen erkennen, Geschichte integrieren.
- Transformationen: Narrative Brücke bauen: Bisherige Geschichte würdigen und mit der neuen Zukunft verbinden.
- Kulturarbeit: Gründungsmomente, Krisen und Wendepunkte als kollektive narrative Ressource bewusst pflegen.
- Coaching: Lebensgeschichte auf Kontaminations- und Erlösungssequenzen hin reflektieren — als Identitätsklärung.
